KI-Ratgeber

KI-Tools für den Chemieunterricht: Nutzen und Grenzen

17 Min. Lesezeit
Illustration zum Ratgeber KI-Tools für den Chemieunterricht, Kategorie KI-Ratgeber | vergleich.cc

Ein Sprachmodell schreibt dir in zwanzig Sekunden eine Aufgabenserie zur Stöchiometrie, drei Erklärungen zum Elektronenübergang auf verschiedenen Niveaus und ein Gerüst für das Versuchsprotokoll der nächsten Doppelstunde. Es kann dir in denselben zwanzig Sekunden aber auch eine Reaktionsgleichung liefern, die nicht aufgeht, eine Oxidationszahl, die um zwei danebenliegt, und eine Angabe zur Lagerung eines Feststoffs, die es in keiner Systematik gibt.

In Deutsch oder Geschichte wäre das ein Qualitätsproblem. In der Chemie ist es ein anderes Kaliber, weil in deiner Sammlung Stoffe stehen, bei denen eine falsche Angabe im schlechtesten Fall zu einer Verletzung führt. Dieser Ratgeber zeigt dir, wo KI im Chemieunterricht trägt, wo sie typischerweise danebenliegt, wie du das in zwei Minuten prüfst und welche Stellen in Deutschland für Gefahrstoffangaben zuständig sind. Alle Preise und Angaben haben den Stand vom 31. August 2026.

Die allgemeinen Fragen zum Schuleinsatz sind an anderer Stelle abgehandelt, von der Unterrichtsvorbereitung über die Korrektur bis zum Datenschutz an Schulen. Einen Überblick über die Werkzeuge insgesamt gibt der Ratgeber zu KI-Tools für Lehrkräfte. Wie du aus Material Arbeitsblätter und Zusammenfassungen für die Hand der Lernenden machst, steht im Ratgeber zu KI-Handouts, und einen Überblick über die Werkzeugkategorien gibt die Übersicht zu KI-Tools. Hier geht es um das, was ausschließlich für dein Fach gilt.

Was leistet KI im Chemieunterricht wirklich?

Der Nutzen liegt überall dort, wo es um Sprache, Struktur und Variation geht, und nicht um den Fachwert selbst. Diese Trennlinie ist die wichtigste Unterscheidung des ganzen Artikels, weil sich aus ihr fast jede Einzelentscheidung ableiten lässt.

Aufgabenvarianten und Kontexte

Eine funktionierende Aufgabe fünfmal mit anderen Stoffen, anderen Zahlen und gleichem Rechenweg zu erzeugen, kostet dich sonst eine halbe Stunde. Das Modell erledigt es in einem Durchgang, und du prüfst nur noch die Rechenwege nach. Ähnlich gut arbeitet es bei der Kontextualisierung, wenn aus der abstrakten Fällungsreaktion ein Fall aus der Trinkwasseraufbereitung wird oder aus dem Massenwirkungsgesetz ein Beispiel aus der Ammoniaksynthese. Der Kontext ist Sprache, und Sprache ist die Stärke.

Differenzierung auf mehreren Niveaus

Denselben Sachverhalt in drei Sprachniveaus zu fassen, ist im Fachunterricht mühsam, weil du dabei ständig entscheidest, welcher Fachbegriff bleiben muss und welcher ersetzt werden darf. Ein Modell liefert dir die drei Fassungen in einem Zug, inklusive einer Version mit kurzen Sätzen für neu zugewanderte Lernende. Deine Arbeit besteht danach darin, die Fachbegriffe zu kontrollieren, die es eigenmächtig eingeführt oder weggelassen hat.

Gerüste für Versuchsprotokolle

Ein Protokollgerüst mit Fragestellung, Material, Durchführung, Beobachtung, Deutung und Fehlerbetrachtung ist reine Form. Genau deshalb ist es eine gute Aufgabe für ein Sprachmodell. Es formuliert dir Leitfragen und Formulierungshilfen, die Lernende dazu bringen, Wahrnehmung und Deutung zu trennen. Die Inhalte zum konkreten Versuch und alle Sicherheitsangaben gehören ausdrücklich nicht in dieses Gerüst.

Warum ist die Fehleranfälligkeit in Chemie ein Sicherheitsthema?

In den meisten Fächern führt ein Modellfehler zu einer schiefen Formulierung oder einer falschen Jahreszahl. Beides fällt spätestens beim Lesen auf, und der Schaden bleibt im Heft. In der Chemie ist die Kette länger. Aus einer erfundenen Angabe zur Verträglichkeit zweier Stoffe wird eine Versuchsvorschrift, aus der Versuchsvorschrift wird ein Aufbau auf dem Lehrertisch, und daneben stehen Lernende.

Dazu kommt eine Eigenschaft, die den Fehler schwerer erkennbar macht. Ein Sprachmodell erzeugt Text, der wie eine Fachaussage aussieht, mit passender Terminologie, plausibler Struktur und einem sicheren Ton. Es gibt keinen sichtbaren Unterschied zwischen einer Angabe, die aus tausend Fachtexten stammt, und einer Angabe, die das Modell im Moment der Ausgabe zusammengesetzt hat. Wer die Angabe nicht ohnehin kennt, sieht ihr die Herkunft nicht an.

Welche Fehlerklassen tauchen bei Chemieinhalten auf?

Für vier typische Fehlermuster lohnt sich nach unserer Einschätzung eine feste Prüfroutine.

Falsch bilanzierte Reaktionsgleichungen

Das Modell setzt Koeffizienten, die für einzelne Elemente stimmen und für andere nicht. Ein mögliches Muster ist eine korrekte Kohlenstoff- und Wasserstoffbilanz bei falscher Sauerstoffbilanz, weil Sauerstoff in mehreren Teilchen gleichzeitig steckt und die Zählung dort am ehesten kippt. Bei Ionengleichungen kommt die Ladungsbilanz als zweite Fehlerquelle dazu.

Verwechselte Oxidationszahlen

Möglich ist, dass die Zuordnung im Ausgangsstoff richtig und im Produkt falsch ist oder dass das Modell mit dem Mittelwert über gleichartige Atome rechnet, wo die einzelnen Atome sich unterscheiden. Wird die Elektronenzahl daraus abgeleitet, wandert der Fehler in die Teilgleichungen und von dort in die Gesamtgleichung.

Erfundene Stoff- und Sicherheitsangaben

Hier liegt das eigentliche Risiko. Ein Modell nennt eine Gefahrenhinweisnummer, die zur tatsächlichen Einstufung nicht gehört, eine Lagerklasse, die es in der Systematik der TRGS 510 nicht gibt, oder eine Entsorgungsvorschrift, die es aus ähnlichen Stoffen abgeleitet hat. Schmelzpunkte, Dichten und Löslichkeiten können nahe am richtigen Wert liegen, was die Prüfung nicht leichter macht.

Stöchiometrie mit Zahlendrehern

Der Rechenweg stimmt, die Molmasse ist um eine Stelle verrutscht, und das Ergebnis wirkt trotzdem sauber, weil das Modell mit dem falschen Wert konsequent weiterrechnet. Fehler dieser Art überleben die Sichtprüfung besonders gut, weil sie keine Unstimmigkeit im Text erzeugen.

Wie sieht ein typischer Fehlerfall konkret aus?

Nimm die manganometrische Bestimmung, die in fast jeder Oberstufe vorkommt. Permanganat oxidiert Oxalat in saurer Lösung. Die richtige Ionengleichung lautet:

2 MnO₄⁻ + 5 C₂O₄²⁻ + 16 H⁺ → 2 Mn²⁺ + 10 CO₂ + 8 H₂O

In der Molekülschreibweise mit Kaliumpermanganat, Oxalsäure und Schwefelsäure ergibt sich daraus:

2 KMnO₄ + 5 H₂C₂O₄ + 3 H₂SO₄ → K₂SO₄ + 2 MnSO₄ + 10 CO₂ + 8 H₂O

Beide Fassungen lassen sich von Hand über die Atombilanz nachprüfen und zusätzlich mit dem Gleichungslöser von Wolfram Alpha gegenrechnen, der die Koeffizienten rechnerisch bestimmt statt sie vorherzusagen. Beide Wege führen zum selben Ergebnis.

Eine typische Fehlvariante sieht so aus:

2 MnO₄⁻ + 5 C₂O₄²⁻ + 8 H⁺ → 2 Mn²⁺ + 10 CO₂ + 4 H₂O

Der Unterschied besteht in einer einzigen Zahl vor dem Wasserstoff-Ion. Mangan, Kohlenstoff und Wasserstoff gehen weiterhin auf, und wer die Gleichung überfliegt, hält sie für richtig. Sie ist es nicht.

Die Gegenprobe in zwei Schritten

Zwei Zählungen entlarven die Fehlvariante in weniger als einer Minute, und beide funktionieren ohne Werkzeug.

  • Atombilanz: Links stehen 8 Sauerstoffatome aus dem Permanganat und 20 aus dem Oxalat, zusammen 28. Rechts stehen 20 Sauerstoffatome im Kohlenstoffdioxid und 4 im Wasser, zusammen 24. Vier Sauerstoffatome verschwinden auf dem Weg, damit ist die Gleichung erledigt.
  • Ladungsbilanz: Links ergibt sich zweimal minus eins, fünfmal minus zwei und achtmal plus eins, also minus vier. Rechts stehen zweimal plus zwei, also plus vier. Eine Differenz von acht Ladungseinheiten, die eine richtige Gleichung nie hat.

Bei der korrekten Fassung mit 16 Wasserstoff-Ionen gehen beide Bilanzen auf, 28 Sauerstoffatome auf jeder Seite und plus vier als Ladungssumme auf beiden Seiten. Die gleiche Kontrolle greift über die Oxidationszahlen. Mangan wechselt von +VII auf +II, das sind fünf Elektronen je Manganatom und zehn bei zwei Manganatomen. Kohlenstoff wechselt im Oxalat von +III auf +IV im Kohlenstoffdioxid, das ist ein Elektron je Kohlenstoffatom und zehn bei zehn Kohlenstoffatomen. Zehn abgegebene gegen zehn aufgenommene Elektronen, die Bilanz schließt.

Daraus folgt die Arbeitsregel für dieses Fach. Ein Sprachmodell darf die Form liefern, die Fachwerte nicht. Formulierung, Struktur, Niveau und Variation kommen aus dem Modell. Jede Reaktionsgleichung wird über Atom- und Ladungsbilanz nachgezählt, jede Stoffkonstante an einem Tafelwerk oder einer Fachdatenbank geprüft, und jede Angabe zu Gefährdung, Lagerung oder Entsorgung stammt von vornherein aus einer anderen Quelle. Wer diese Regel einmal in der Fachschaft festhält, spart sich die Diskussion im Einzelfall.

Was zeigen die Untersuchungen zur Chemiekompetenz von Sprachmodellen?

Die derzeit belastbarste Erhebung ist ChemBench, veröffentlicht am 20. Mai 2025 in Nature Chemistry. Die Arbeitsgruppe hat 2.788 Frage-Antwort-Paare aus verschiedenen Teilgebieten der Chemie zusammengestellt und führende Modelle gegen menschliche Fachleute antreten lassen. Im Gesamtwert lag das beste Modell deutlich vor den besten menschlichen Teilnehmenden der Studie, was als Schlagzeile taugt und für den Unterricht wenig aussagt.

Interessanter sind die Teilergebnisse. Bei Toxikologie, Sicherheit und analytischer Chemie brechen die Trefferquoten ein. Bei der Vorhersage der Zahl der Signale in einem Kernresonanzspektrum kam das damals beste Modell auf 22 Prozent. Der für die Praxis entscheidende Befund betrifft die Selbsteinschätzung. Zwischen der Sicherheit, die ein Modell angibt, und der Richtigkeit seiner Antwort besteht kein verlässlicher Zusammenhang. Die Studie beschreibt außerdem, dass Modelle auf einer Stichprobe aus dem Fragenkatalog zum deutschen Sachkundenachweis nach der Chemikalien-Verbotsverordnung bestanden hätten, während ihre Leistung bei Sicherheitsthemen insgesamt schwach blieb.

Für dich heißt das zweierlei. Ein selbstbewusst formulierter Absatz ist kein Hinweis auf Richtigkeit, und eine bestandene Prüfung ist kein Beleg für Verlässlichkeit im Alltag.

Warum dürfen Sicherheitsangaben nie aus einem Sprachmodell kommen?

Ein Sicherheitsdatenblatt ist ein Rechtsdokument. Es stammt vom Hersteller oder Inverkehrbringer, folgt einem vorgeschriebenen Aufbau und wird bei Änderungen der Einstufung fortgeschrieben. Eine Betriebsanweisung wiederum ist die betriebsbezogene Umsetzung davon, die die verantwortliche Person für die konkreten Bedingungen an deiner Schule erstellt. Beide Dokumente haben eine benennbare Quelle und einen Stand.

Ein Sprachmodell hat weder das eine noch das andere. Es kann dir einen Text ausgeben, der wie eine Betriebsanweisung aussieht, mit Gliederung, Piktogrammbeschreibungen und Verhaltensregeln. Dieser Text hat keinen Urheber, keinen Prüfstand und keine Nachvollziehbarkeit. Landet er im Ordner der Sammlung, sieht ihn im Zweifelsfall niemand mehr von einem echten Dokument unterschieden. Genau deshalb ist die Grenze hier hart und kennt keine Ausnahme für einen schnellen Entwurf.

Welche Quellen sind in Deutschland für Gefahrstoffe zuständig?

Vier Adressen decken den Schulbedarf vollständig ab, und alle vier sind kostenfrei zugänglich.

  • GESTIS-Stoffdatenbank: betrieben vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Enthält Einstufung, Kennzeichnung, Grenzwerte, Schutzmaßnahmen und Erste-Hilfe-Angaben. Die erste Anlaufstelle für jede Stofffrage.
  • DGUV Regel 113-018 „Unterricht in Schulen mit gefährlichen Stoffen“: das Regelwerk für den schulischen Umgang. Dazu gehört die Stoffliste als DGUV Information 213-098, die ausschließlich online erscheint, damit Änderungen bei Einstufung und Grenzwerten zeitnah eingearbeitet werden können. Prüfe deshalb immer die Onlinefassung.
  • RiSU: die Richtlinie zur Sicherheit im Unterricht der Kultusministerkonferenz, Beschluss vom 9. September 1994 in der Fassung vom 21. September 2023. Die Länder setzen sie über eigene Erlasse um, weshalb du zusätzlich die Landesfassung brauchst.
  • DEGINTU: das Gefahrstoffinformationssystem der DGUV für den naturwissenschaftlich-technischen Unterricht, kostenfrei für Schulen, Schülerlabore und Studienseminare. Es verbindet die Stoffdaten aus GESTIS mit Bestandsverwaltung, geprüften Versuchsbeschreibungen, Gefährdungsbeurteilungen und Betriebsanweisungen.

Wer eine Gefährdungsbeurteilung braucht, arbeitet in DEGINTU und lässt das Sprachmodell außen vor. Das ist schneller als jeder Prompt, weil die Vorlagen bereits auf den Schulkontext zugeschnitten sind.

Wie stellst du Formeln und Reaktionsgleichungen sauber dar?

Bei der Darstellung sieht die Lage anders aus als beim Fachwert. Notationen sind formale Sprachen, und formale Sprachen liegen Sprachmodellen. Zwei Formate lohnen sich.

SMILES als Übergabeformat

SMILES beschreibt eine Molekülstruktur als Zeichenkette, etwa CCO für Ethanol. Ein Modell erzeugt dir solche Ketten nach unserer Einschätzung zuverlässiger als eine Strukturzeichnung, und ein Zeichenprogramm macht daraus die Formel. Die Kontrolle ist angenehm einfach, weil du das Ergebnis siehst. Stimmt die gezeichnete Struktur nicht mit dem gemeinten Stoff überein, war die Zeichenkette falsch. Untersuchungen aus dem Jahr 2025 haben die typischen Fehlerarten katalogisiert, darunter nicht geschlossene Ringe, falsche Klammern und verletzte Valenzen. Alle drei fallen beim Rendern sofort auf.

mhchem für gesetzte Gleichungen

Für Arbeitsblätter und Lernplattformen ist mhchem der Standard. Die Notation schreibt eine Gleichung als \ce{2 H2 + O2 -> 2 H2O}, und MathJax setzt daraus die korrekt formatierte Zeile mit Tief- und Hochstellungen. Moodle unterstützt das über die MathJax-Filter, und ein Sprachmodell erzeugt dir die Notation in der Regel fehlerarm, weil sie strikt geregelt ist. Die Koeffizienten prüfst du trotzdem selbst, denn richtig gesetzt heißt nicht richtig bilanziert.

Welche Werkzeuge zeichnen Strukturen und Versuchsaufbauten?

Die freie Werkzeuglandschaft hat sich 2026 verschoben. ACD/Labs wurde im Januar 2026 übernommen, und die über zwei Jahrzehnte verbreitete ChemSketch Freeware wurde im August 2026 eingestellt. Bestehende Installationen dürfen weiterlaufen, ein Neustart ist damit nicht mehr möglich. Diese Alternativen stehen bereit:

  • MolView: läuft im Browser, nimmt SMILES entgegen, zeigt 2D-Formel und 3D-Modell und greift auf PubChem, die Protein Data Bank, die Crystallography Open Database und das NIST Chemistry WebBook zu. Die ältere Fassung bleibt kostenfrei verfügbar.
  • Ketcher: quelloffener Struktureditor für den Browser, versteht SMILES, InChI, Molfile und weitere Formate. Er steckt auch unter der Oberfläche anderer Werkzeuge.
  • Avogadro 2: freier Molekülbaukasten für den Desktop mit 3D-Ansicht, Kraftfeldern und Import aus zahlreichen Quantenchemieprogrammen. Passend für die Oberstufe und für Facharbeiten.
  • Chemix: zeichnet Versuchsaufbauten aus einer Bibliothek von Laborgeräten, mit deutschsprachiger Oberfläche und Download der fertigen Skizze aus dem Browser.

Für Foliensätze aus diesen Bildern lohnt ein Blick auf die Werkzeuge im Ratgeber zur KI-Präsentation, insbesondere auf Gamma, das aus Stichpunkten eine ganze Foliensequenz baut.

Wo helfen Simulationen, und was ergänzt KI dort?

Simulationen und Sprachmodelle lösen unterschiedliche Aufgaben, und ihre Stärken ergänzen sich gut. Eine Simulation rechnet ein Modell, das Fachleute programmiert haben. Sie kann deshalb nichts erfinden. Ein Sprachmodell dagegen kann Fragen, Beobachtungsaufträge und Auswertungshilfen dazu formulieren.

Der bekannteste Fundus sind die PhET-Simulationen der University of Colorado Boulder, kostenfrei und in großen Teilen ins Deutsche übersetzt. Für Chemie stehen dort aktuell 34 Titel bereit, darunter „Reaktionsgleichungen ausgleichen“, „pH Skala“, „Molekülgeometrien“, „Konzentration“, „Stoffmengenkonzentration“ und „Reaktanden, Produkte und Reste“. Gerade die erste dieser Simulationen ist bemerkenswert, weil sie genau die Aufgabe verlässlich prüft, bei der Sprachmodelle fehleranfällig sind.

Sinnvoll ist deshalb eine Arbeitsteilung. Die Simulation liefert das Verhalten und die Rückmeldung, das Sprachmodell liefert den Beobachtungsbogen, die Leitfragen und die Differenzierung dazu. Für dreidimensionale Molekülansichten übernehmen die Viewer aus dem vorigen Abschnitt diesen Part.

Wie wertest du Messdaten aus dem Experiment aus?

Bei Messreihen aus Titration, Kalorimetrie oder Photometrie gilt eine einfache Unterscheidung. Rechnen lässt du rechnen, nicht raten. Sprachmodelle mit angeschlossener Codeausführung führen deine Zahlen durch echten Programmcode, statt das Ergebnis vorherzusagen. Regression, Steigung, Achsenabschnitt und Bestimmtheitsmaß entstehen dann deterministisch, und du kannst den Code lesen.

Sinnvoll ist dieser Ablauf. Du lädst die Messwerte als Tabelle hoch, formulierst die gewünschte Auswertung ausdrücklich als Rechenaufgabe und verlangst den verwendeten Code mit in der Antwort. Danach prüfst du zwei Dinge, den ersten und den letzten Datenpunkt gegen deine Rohtabelle und die Größenordnung des Endergebnisses gegen deine Erwartung. Für die Interpretation der Kurve, für Fehlerbetrachtung und für die Formulierung von Auswertungsfragen ist das Modell wieder in seinem Element.

Ohne Codeausführung bleibt die Zahl eine Vorhersage. Das gilt auch dann, wenn die Antwort einen sauberen Rechenweg zeigt, denn der Rechenweg ist ebenfalls generierter Text.

Was gilt beim Datenschutz mit Schülerdaten?

Der Grundsatz ist knapp. Namen, Klassenzugehörigkeit, Leistungsstände, Förderbedarfe und Gesundheitsangaben gehören nicht in ein Sprachmodell, für das deine Schule keine geprüfte Grundlage hat. Anonymisiere Aufgabenmaterial vor dem Hochladen, und nutze für alles mit Personenbezug die vom Land oder Schulträger bereitgestellten Zugänge.

Für Chemie kommt eine Besonderheit dazu. Bei Gefährdungsbeurteilungen für einzelne Lernende können gesundheitsbezogene Angaben eine Rolle spielen, etwa bei Allergien gegen bestimmte Stoffe. Solche Angaben sind besonders geschützt und gehören ausschließlich in die schuleigenen Verfahren. Die ausführliche Darstellung der Rechtslage, der Länderzuständigkeit und der Serverstandorte steht im eigenen Ratgeber zum Datenschutz an Schulen. Wenn du auf ein Modell mit europäischem Betrieb angewiesen bist, ist Mistral die naheliegende Option, und der staatliche Schulzugang AIS.chat setzt ebenfalls auf Modelle, die in der EU betrieben werden.

Welche Prompts funktionieren im Chemiealltag?

Gute Prompts für dieses Fach haben ein gemeinsames Merkmal. Sie grenzen ausdrücklich aus, was das Modell nicht beisteuern soll. Drei Vorlagen, die du direkt übernehmen kannst.

Prompt für Aufgabenvarianten

„Du bist Fachlehrkraft für Chemie in Jahrgangsstufe 10. Erzeuge fünf Varianten der folgenden Aufgabe mit gleichem Rechenweg, gleichem Schwierigkeitsgrad, anderen Stoffen und anderen Zahlenwerten. Gib zu jeder Variante die Musterlösung mit allen Zwischenschritten an und schreibe hinter jede verwendete Molmasse den Vermerk zu prüfen. Verwende ausschließlich Stoffe, die im Schulunterricht der Sekundarstufe I üblich sind, und keine Angaben zu Gefährdung oder Entsorgung. Ausgangsaufgabe: Wie viel Gramm Kohlenstoffdioxid entstehen bei der vollständigen Verbrennung von 4,6 g Ethanol?“

Prompt für Differenzierung

„Formuliere den folgenden Erklärtext dreimal. Fassung A für Lernende, die den Teilchenbegriff sicher beherrschen. Fassung B für Lernende, die ihn gerade aufbauen. Fassung C mit kurzen Sätzen und Erklärung jedes Fachbegriffs beim ersten Auftreten, gedacht für neu zugewanderte Lernende. Je 120 bis 150 Wörter. Führe keinen Fachbegriff ein, der im Ausgangstext fehlt, und liste am Ende alle Fachbegriffe auf, die du in einer Fassung ersetzt hast. Ausgangstext: In einer Redoxreaktion gibt ein Teilchen Elektronen ab, ein anderes nimmt sie auf. Die Abgabe heißt Oxidation, die Aufnahme heißt Reduktion. Beide Vorgänge laufen immer gemeinsam ab.“

Prompt für das Protokollgerüst

„Erstelle das Gerüst eines Versuchsprotokolls für die Sekundarstufe I mit den Abschnitten Fragestellung, Material, Durchführung, Beobachtung, Deutung und Fehlerbetrachtung. Trage ausschließlich Leitfragen und Formulierungshilfen ein, keine Inhalte zu einem konkreten Versuch, keine Stoffnamen, keine Gefahrstoffangaben und keine Sicherheitshinweise. Der Abschnitt Beobachtung muss die Lernenden dazu bringen, Wahrnehmung und Deutung sprachlich zu trennen. Gib das Ergebnis als Fließtext mit Zwischenüberschriften aus, Umfang eine Seite.“

Was kosten die Werkzeuge im August 2026?

Die Preise haben den Stand vom 31. August 2026. Bei Anbietern, die in US-Dollar abrechnen, ist der Betrag im Bezahlvorgang maßgeblich.

  • AIS.chat, vormals telli: kostenfrei. Das Medieninstitut FWU betreibt den Schulchatbot im Auftrag der Länder, finanziert aus dem DigitalPakt Schule. Die Sprachmodelle laufen auf Servern in der EU, der Zugang läuft über das jeweilige Landesportal. Ob deine Schule bereits angebunden ist, klärt das Landesportal.
  • fobizz: Basic-Lizenz kostenfrei, Tools-Flatrate 119 Euro im Jahr, Fortbildungs-Flatrate 179 Euro, Kombi-Flatrate 239 Euro. Schullizenzen beginnen bei 500 Euro im Jahr für einzelne Produkte, das Kombi-Paket bei 750 Euro. Alle Beträge inklusive deutscher Mehrwertsteuer, im Referendariat kostenfrei.
  • schulKI: kostenfreies Konto zum Ausprobieren, Guthabenpaket über 2.000.000 Token für 12,99 Euro im Jahr, Tarif Start 7,99 Euro und Tarif Plus 9,99 Euro im Monat. Für Schulen 39,99 Euro im Monat für bis zu 20 Lehrkräfte und 59,99 Euro für bis zu 80. Die Verarbeitung personenbezogener Daten findet nach Anbieterangabe ausschließlich in Deutschland statt.
  • ChatGPT Plus: 23 Euro im Monat. Der Erfahrungsbericht zu ChatGPT ordnet die Stufen ein.
  • Claude Pro: 20 US-Dollar im Monat, bei Jahreszahlung 17 US-Dollar im Monat. Details im Erfahrungsbericht zu Claude.
  • Google AI Pro: 21,99 Euro im Monat, mit Gemini in Docs und Gmail. Der Erfahrungsbericht zu Gemini beschreibt den Funktionsumfang.
  • Wolfram Alpha Pro für Lehrkräfte: Basiskonto kostenfrei nach Anmeldung, Pro 9,99 US-Dollar im Monat oder 60 US-Dollar im Jahr, Pro Premium 99 US-Dollar im Jahr. Für das Ausgleichen von Gleichungen und für Stoffdaten nach unserer Einschätzung der zuverlässigste Rechner in dieser Liste.
  • Kostenfrei ohne Konto: GESTIS, DEGINTU, die PhET-Simulationen, MolView, Ketcher, Avogadro 2 und Chemix.

Für Literaturrecherche mit belegten Quellen lohnt zusätzlich Perplexity, und für die Arbeit mit einem festen Materialstapel aus Lehrplan, Schulbuchauszügen und eigenen Skripten NotebookLM, das seine Antworten an die hochgeladenen Dokumente bindet.

Wie führst du KI in der Fachschaft ein?

Der Einstieg gelingt am ehesten über einen schmalen, klar begrenzten Anfang. Nimm eine einzige Aufgabenart, etwa Aufgabenvarianten zur Stöchiometrie, und lege dafür einen Prompt fest, den alle in der Fachschaft benutzen. Halte im selben Dokument fest, welche Prüfung vor dem Einsatz stattfindet, und benenne die Quellen für Gefahrstoffangaben namentlich.

Nach einem Halbjahr siehst du, welche Anwendungsfälle sich gehalten haben. Nach unserer Einschätzung bleiben Aufgabenvarianten, Differenzierung und Formulierungsarbeit, während der Versuch, Fachinhalte erzeugen zu lassen, von selbst ausläuft. Genau diese Verteilung entspricht der Stärke der Werkzeuge.

Der Kern lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Ein Sprachmodell ist in deinem Fach ein sehr guter Redakteur und ein schlechter Fachreferent. Wer ihm die Rolle gibt, die es ausfüllen kann, gewinnt Zeit für den Teil des Unterrichts, den keine Software übernimmt.

Häufige Fragen

Kann ChatGPT Reaktionsgleichungen richtig ausgleichen?
Bei einfachen Gleichungen oft, bei Redoxgleichungen in saurer oder basischer Lösung ist Vorsicht geboten. Ein Sprachmodell sagt die Koeffizienten vorher, statt die Bilanz zu rechnen, deshalb entstehen Ergebnisse, die für einzelne Elemente aufgehen und für andere nicht. Zähle jede Gleichung über die Atombilanz und bei Ionengleichungen zusätzlich über die Ladungsbilanz nach, oder nutze einen Rechner wie Wolfram Alpha, der die Bilanz deterministisch löst.
Darf ich eine Betriebsanweisung für den Chemieunterricht mit KI erstellen?
Nein. Eine Betriebsanweisung ist ein verantwortetes Dokument mit benennbarer Quelle und Stand, ein Modelltext hat beides nicht. Nutze DEGINTU, das kostenfreie Gefahrstoffinformationssystem der DGUV für den naturwissenschaftlich-technischen Unterricht. Es liefert Vorlagen für Gefährdungsbeurteilungen und Betriebsanweisungen auf Basis der GESTIS-Daten und der Stoffliste zur DGUV Regel 113-018.
Woher bekomme ich verlässliche Gefahrstoffdaten für die Schule?
Vier Quellen decken den Bedarf ab. Die GESTIS-Stoffdatenbank des Instituts für Arbeitsschutz der DGUV für Einstufung, Grenzwerte und Schutzmaßnahmen, die DGUV Regel 113-018 mit der laufend aktualisierten Stofflisten-Onlinefassung als DGUV Information 213-098, die RiSU der Kultusministerkonferenz in der Fassung vom 21. September 2023 samt Landesumsetzung und DEGINTU für die praktische Arbeit an der Schule.
Welche KI-Tools dürfen Schülerinnen und Schüler im Chemieunterricht nutzen?
Das entscheidet dein Bundesland und dein Schulträger, nicht der Anbieter. Der staatliche Schulchatbot AIS.chat, vormals telli, wird vom Medieninstitut FWU im Auftrag der Länder betrieben, ist für Schulen kostenfrei und nutzt Modelle auf EU-Servern. Daneben sind fobizz und schulKI verbreitet. Bei allen Zugängen gilt, dass personenbezogene Angaben zu Lernenden nur über die freigegebenen Wege verarbeitet werden dürfen.
Wie lasse ich mir Strukturformeln von einer KI zeichnen?
Lass dir die Struktur als SMILES-Zeichenkette ausgeben, etwa CCO für Ethanol, und gib sie in ein Zeichenwerkzeug wie MolView oder Ketcher. Dort entsteht daraus die Formel und auf Wunsch ein 3D-Modell. Die Kontrolle ist einfach, weil du das Ergebnis siehst. Passt die gezeichnete Struktur nicht zum gemeinten Stoff, war die Zeichenkette falsch. Die frühere ChemSketch Freeware wurde im August 2026 eingestellt.
Sind Sprachmodelle in Chemie inzwischen besser als Fachleute?
In Gesamtwerten aus Fragenkatalogen ja, im sicherheitsrelevanten Alltag nein. Die Studie ChemBench mit 2.788 Frage-Antwort-Paaren, erschienen am 20. Mai 2025 in Nature Chemistry, sah das beste Modell im Gesamtwert vor den menschlichen Teilnehmenden, fand aber deutliche Einbrüche bei Toxikologie, Sicherheit und analytischer Chemie. Entscheidend ist der Befund, dass die von den Modellen angegebene Sicherheit nicht mit der Richtigkeit ihrer Antworten zusammenhängt.